Pastasüchtige Powerfrau

Nach 40 Jahren Männerherrschaft an der Uni Dortmund übernimmt im September erstmals eine Frau das Zepter: Prof. Dr. Ursula Gather. InDOpendent stellt die Nachfolgerin des jetzigen Rektors Eberhard Becker vor.

Es klingt beinahe wie eine Werbekampagne, wenn Anne Krampe und ihre Kollegen die Vorzüge ihrer Chefin darlegen. Professionell und zielstrebig sei sie, fleißig und humorvoll, mitarbeiternah und liberal dazu. Fehlt noch etwas? „Sie ist genau die richtige Person für das Amt der Rektorin, eine echte Powerfrau eben“, ergänzt Krampe. Etwas anderes kann sie ja auch schlecht sagen, denkt man im ersten Moment. Doch egal, wen man fragt – Ursula Gather scheint keine negativen Eigenschaften zu haben. Eine Menge Vorschusslorbeeren für die 55-jährige Statistikerin, die der Hochschulrat kürzlich zur neuen Rektorin wählte.
Mathetower, zweiter Stock: Im langen, grauen Flur stehen alle Türen offen. Um die Kommunikation untereinander zu erleichtern. Denn ein gutes Verhältnis zu ihren wissenschaftlichen Mitarbeitern ist Ursula Gather wichtig. „Hier hat alles einen sehr familiären Charakter, wir kommen alle sehr gerne zur Arbeit“, sagt Anne Krampe, die bereits seit rund fünf Jahren an der Seite von Gather beschäftigt ist. Arbeitsstress ist keinem Beteiligten anzumerken – auch nicht Gather selbst. Sie ist Strapazen schließlich gewohnt. Durch Forschung, Gastprofessuren im Ausland und Tätigkeiten in den Vorständen diverser Wissenschaftsorganisationen ist sie ständig auf Achse.
Nach dem Abitur in ihrer Heimatstadt Mönchengladbach zog es sie an die RWTH Aachen, wo ihre akademische Laufbahn begann. Ihrer Habilitation folgte ein einjähriger Auslandsaufenthalt in den USA. Im Alter von 33 Jahren kam Gather dem Ruf der Universität Dortmund nach und erhielt kurz darauf den mit damals 850.000 Mark dotierten Alfried-Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Förderpreis für junge Hochschullehrer. Ein Glücksfall, wie sie findet: „Das war eine wunderbare Sache, weil ich in so jungen Jahren die Möglichkeit hatte, eine Arbeitsgruppe mit jungen Menschen aufzubauen.“ Einer intensiven Forschung stand danach nichts mehr im Weg. Von 1994 bis 1998 war Gather bereits Prorektorin. In dieser Zeit baute sie unter anderem einen Sonderforschungsbereich für Statis-tik auf. „Da bin ich auch sehr stolz drauf.“
Mit dem Privatleben ist es dafür mitunter so eine Sache. Die Zeit für die Familie ist knapp bemessen. „Als Wissenschaftlerin hat man weniger Privatleben, aber ich bin durchaus auch eine Privatperson“, stellt Gather klar. Ihr ältester Sohn (27), der gerade in Physik an der Universität Köln promoviert, sei auch eigentlich ganz froh, dass er „nicht überbemuttert“ worden sei.
Nach Feierabend – bis spätestens 18 Uhr versucht Gather zu Hause zu sein – schnürt die Professorin auch schon mal ihre Rollschuhe. Außerdem lässt sie sich das gemeinsame Essen mit ihrem 15-jährigen Sprössling nicht nehmen. Dieser hält sie nebenbei auch noch fit. „Neuerdings muss ich auf dem heimischen Rasen zwischen zwei kleinen Fußballtoren herumlaufen und habe mittlerweile eine gewisse Begeisterung für den Sport entwickelt.“ Ihren Mann, ein erfolgreicher Unternehmer, sieht sie zwar häufig nur an den Wochenenden, „das genießen wir dann aber umso mehr.“
Das gute Verhältnis zu ihren Mitarbeitern pflegt Gather übrigens auch privat. Ihr Haus in der Dortmunder Gartenstadt diente bereits mehrfach als Treffpunkt, um eine Sucht zu befriedigen: die Sucht nach Pasta. „Wir haben dann alle zusammen bei ihr gekocht“, berichtet Anne Krampe, die wie ihre Kollegen das „Laster Pasta“ mit ihrer Chefin teilt. Nudeln gehören zu den wenigen Dingen, die sie schwach werden lassen, macht Gather mit einem herzlichen Lachen glaubhaft.
Überzeugt ist sie davon, dass ihre Wahl zur Rektorin korrekt verlief. Die Ansicht des Komitees für freie Bildung (KffB), das die Wahl nach einer neu eingeführten Grundordnung als undemokratisch bezeichnete, kann sie dennoch ein Stück weit nachvollziehen. Dass die Wahl, die allein durch den Hochschulrat erfolgt, „nicht basisdemokratisch ist, will ich gerne einräumen“, sagt Gather. Doch sie sei selbstverständlich nach Recht und Gesetz abgelaufen. Trotz der Kritik fühle sie sich auch von den Studierenden getragen und unterstützt.
Neuen Herausforderungen steht also nichts mehr im Weg. Zunächst stünden eine Vielzahl von Gesprächen auf der Tagesordnung. Danach will sich Ursula Gather neuen Projekten widmen. „Konkret angehen möchte ich gemeinsame Forschungsprojekte zwischen den technischen Fachbereichen sowie den Kultur- und Bildungswissenschaften.“
Das Gesamtpaket aus professionellem Auftritt, fachlicher Kompetenz und Freundlichkeit dürfte den Ausschlag gegeben haben, dass Gather im Herbst die erste Frau an der Spitze der TU wird. „Ich habe mich bisher durch die Tatsache, dass ich eine Frau bin, nicht behindert gefühlt“, sagt sie schmunzelnd. Es gibt keinen ersichtlichen Grund dafür, warum sich dies in Zukunft ändern sollte.

Ein Artikel von Jan Ungruhe.