Ein Leben für 25 Cent

Dirk Otter verlor alles: seine Frau, seinen Laden, seine Wohnung. Was ihm blieb, waren Drogen. Nach 226 Tagen Knast lebt er heute auf der Straße. Was er zum Leben braucht, findet er in Mülltonnen. Otter sammelt Flaschen. InDOpendent hat ihn dabei begleitet.

Lässt sich ein Leben wirklich planen? Dirk Otters Leben war vor 13 Jahren jedenfalls ein ganz anderes. An der Käthe-Kollwitz-Straße in Dortmund-Mengede besaß der heute 41-Jährige einen kleinen Elektrofachhandel, den er zusammen mit seiner Frau betrieb. Reich wurden sie durch den Laden nicht, Dirk Otter lebte bescheiden, aber glücklich.
Heute schlendert der hagere Mann wie jeden Nachmittag vor dem Dortmunder Hauptbahnhof auf und ab. Seine braunen Lederschuhe sind abgewetzt, die Sohle hat sich vom Rest der Schuhe gelöst. Das weiße T-Shirt ist dreckig, einige Brandlöcher darauf zieren die Brust des schmächtigen Mannes. Die schwarze Hose wirkt sauber, wahrscheinlich liegt es am Schwarz. „Dass sie mich betrogen hat, das habe ich psychisch nicht verpackt“, bricht es aus dem jugendlich wirkenden Mann heraus, während Dirk Otter über seine Frau spricht. Der Schmerz über die Trennung ist noch immer spürbar. Die Trennung, die sein Leben veränderte.
Leicht abwesend blickt er durch seine runden Brillengläser auf den Bahnhofsvorplatz. Dann steuert er die nächste Mülltonne an, zieht eine kleine runde Taschenlampe aus der Hosentasche und leuchtet in die vier Behälter der Mülltonne. „Die brauchste schon, sonst sieht man gar nicht, was alles drinne ist.“
Seit drei Jahren ist der Dortmunder Hauptbahnhof das Revier von Dirk Otter. Dort sammelt er bis spät in die Nacht weggeworfene Pfandflaschen. Sein Arbeitstag auf dem Bahnhof beginnt mittags, direkt nach der täglichen Dosis Methadon, der Ersatzdroge für Junkies, die er im Gesundheitsamt an der Bornstraße bekommt. Otter ist seit der Trennung vor 13 Jahren drogenabhängig. Er hat sie nie verarbeitet und geriet an Drogen. Um seine Sucht zu finanzieren, benötigte Otter Geld. Zuerst lieh er es sich bei Freunden, dann bei verschiedenen Banken. Als das nicht mehr reichte, verkaufte er das Inventar seiner Wohnung. Alle Erinnerungen, alles, was er sich jahrelang aufgebaut und erarbeitet hatte, setzte er in kurzer Zeit für etwas Geld um. Doch der Schuldenberg wuchs weiter an, bis er zuletzt sein Geschäft verlor. Er hat alles verloren, doch die Sucht blieb.
Um weiter an Geld zu kommen, geriet Otter auf die schiefe Bahn. Wegen Einbruchs und Diebstahls wurde er zu 226 Tagen Haft verurteilt, die er im „Lübecker“, der Dortmunder Justizvollzugsanstalt absaß. Als er aus dem Gefägnis entlassen wurde, hat ihm der Vermieter seine Wohnung gekündigt. Vorbestraft und ohne Geld lebt Dirk Otter seitdem auf der Straße. Ab und zu schläft er bei Freunden, manchmal kommt er bei seinem Bruder in der Dortmunder Nordstadt unter. Meistens schläft er im Freien.
Er hat sich schon oft entgiften lassen und war in zahlreichen Behandlungen. Dass Otter bis heute nicht ohne Drogen leben kann, zeigen die vielen Einstiche in seinen tätowierten Armen. Von dem Pfandgeld besorgt er sich ab und zu Kokain oder ein bisschen was zu kiffen.
Sein Revier teilt er sich mit zehn anderen Flaschensammlern. „Konkurrenz? Nein, die gibt es nicht. Man versteht sich untereinander“, sagt Otter. „Nur bei großen Events, wenn die Borussia gegen Schalke spielt, wird es schon mal eng auf dem Bahnhof. 85 auswärtige Sammler waren diesmal in der Stadt. Da bleibt kaum eine Flasche für dich über. Wirklich schlimm sind aber nur die Blauhüte von der Bahn-Sicherheit. Erwischen die dich beim Sammeln, gibt es ein Hausverbot“, zischt es aus dem sonst so friedlich wirkenden Otter heraus. „Mit ihrem Übereifer machen die uns die ganzen Tageseinnahmen kaputt“ – immerhin zehn bis 30 Euro am Tag. Ein stolzer Betrag, der den Flaschensammler unabhängig vom Staat macht. Er verzichtet gerne auf Hartz IV. Zu viele Behördengänge, zu viele Anträge, zu wenig Geld. Die Zeit nutzt er lieber zum Sammeln.
Langsam schlendert Dirk Otter mit seiner alten Lidl-Tüte weiter durch die triste Eingangshalle des Bahnhofs. Sein Blick wirkt plötzlich geschärft. „Immer auf die Blauhüte aufpassen!“, sagt er mit ernster Stimme. Schnell zieht er wieder die kleine Lampe aus der rechten Hosentasche, leuchtet in einen Mülleimer und lässt zwei Plastikflaschen in seiner Tüte verschwinden. Dann schleppt er sich langsam die Treppe zum nächsten Bahngleis hoch.
Könnte man sein Leben wirklich planen, wäre bei Dirk Otter vieles anders gelaufen. Er besäße noch immer seinen Elektroladen, eine Familie und würde gelegentlich verreisen. Heute sind die weggeworfenen Pfandflaschen der Reisenden auf dem Dortmunder Hauptbahnhof das Leben von Dirk Otter: ein Leben für 25 Cent.

Ein Artikel von Fabian Schwane.